Pécsi Tudományegyetem

Universität Pécs

 

Der anekdotenmeister Dr. Laszlo Vargha

Strafprozessrechtler, Kriminalist, international angesehener Handschriftenexperte. 1952 – 1983: Lehrtätigkeit an der Universität Pécs, Professur ab 1966. Von 1969 an drei Jahre lang Leiter des Lehrstuhls für Zivil-  und Strafprozessrecht.

Dass man sich während jahrzehntelanger universitärer Tätigkeit keine Feinde macht, gelingt nur ganz Wenigen.

Professor Vargha dürfte zu diesen seltenen Ausnahmen gehört haben.

Viele beschrieben ihn, ob in Wort oder Schrift, als unendlich bescheidenen, wohlwollenden, im besten Sinne des Wortes friedfertigen Menschen mit ehrfürchtigem Respekt gegenüber der Wissenschaft.

 

László Vargha erwarb 1937 sein Diplom an der Elisabeth-Universität Pécs und arbeitete anschließend anderthalb Jahrzehnte in der praktischen Rechtsprechung an Gerichten und Staatsanwaltschaften in den Bezirken Somogy, Baranya, Zala mit Standorten wie Kaposvár, Nagykanizsa oder Pécs.

 

Mit knapp 40 Jahren berief man ihn zum Assistenten an der Universität Pécs, „in einer bedrückenden Ära von Gesetzesmissachtungen, Schauprozessen und hartem Dogmatismus”, wie er später formulierte.

 

Dem späten Einstieg folgte eine rapide Karriere: 1959 wurde ihm der Titel des ordentlichen Dozenten verliehen, und das nicht unverdient: Als Erster in Ungarn hatte er sich im Bereich Kriminalistik wissenschaftlich qualifiziert. In seiner Dissertation setzte er sich mit der technisch-chemischen Untersuchung von Schriftstücken auseinander.

 

Als Handschriftenexperte zählte er zu den Besten in Europa, was ihm 1968 den heikelsten Fall seiner Laufbahn einbrachte:

Es galt festzustellen, ob es tatsächlich der damals schon seit zehn Jahren als Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland amtierende Heinrich Lübke war, der 1944 als operativer Leiter der Firma Schlempp die Baupläne für das Konzentrationslager Neu-Strassfort und das Zwangsarbeitslager Wolmirsleben unterzeichnet hatte … Lübke wollte sich an nichts dergleichen erinnern.

Der internationale Ausschuss, an dem auch László Vargha beteiligt war, arbeitete schnell und präzise. Mit einer Analyse der einzelnen Buchstaben der Unterschriften aus 1944 bzw. von der Hand des Bundespräsidenten wies der Professor ohne Zweifel nach, dass die Unterschriften von ein und derselben Person stammten.

Lübke erklärte 1969 seinen Rücktritt …

 

Nun könnte der Leser annehmen, Professor Vargha sei ein Mann von unerschütterlichem Ernst gewesen. Zum Teil stimmt das, aber er besaß auch unendlich viel Humor.

Heute noch werden Anekdoten über seine Vorlesungen und Prüfungen erzählt. Eine kleine Auswahl:

 

Als ich als Staatsanwalt arbeitete, meldete man mir aus der Justizvollzugsanstalt, dass ein Gefangener ausgebrochen sei.

„Wann denn?“

„Vor zwei Tagen.“

„Schießen Sie hinterher!“

„ Jetzt? Wozu?“

„Keine Sorge, schießen Sie einfach hinterher.“

Das taten sie dann auch, und ich schrieb ins Protokoll: Ein Gefangener ist ausgebrochen, man hat ihm hinterher geschossen, aber ihn verfehlt.”

 

Rettungsfrage an einen Studenten mit nahezu rudimentären Kenntnissen:

„Nun, Sándor, von wem wird das Begnadigungsrecht in Ungarn ausgeübt?“

„Vom Präsidialrat der Volksrepublik.“

„Richtig. Und ausnahmsweise von mir, weil ich Sie nicht durchfallen lasse.”

 

In einer Prüfung fragte Professor Vargha nach den Befugnissen eines Militärgerichts.

Unter der Tischplatte zählte er an den Fingern mit, ob der Prüfling alle Bereiche richtig nannte.

Als dieser in der Aufzählung stockte, hielt Vargha den kleinen Finger hoch und sagte:

„Den haben Sie rausgelassen!”

 

Er bekannte sich zu dem Grundsatz, dass man selbst in der Prüfung Kenntnisse vermitteln bzw. sich aneignen kann.

Aus Menschlichkeit benotete er eine Leistung nur schweren Herzens mit Ungenügend.

Aber eine „Sehr gut“ war bei ihm auch nicht leicht zu bekommen, denn es lag ihm viel daran, die Studenten zu Gründlichkeit und Anspruch zu erziehen.

 

Doch er galt nicht nur wegen seiner Anekdoten als ausgezeichneter Dozent: Er sprach allgemein verständlich, logisch und systematisch. In der Regel setzte er bei der Praxis an und leitete daraus theoretische Schlussfolgerungen ab. In seinen stets sehr gut besuchten Sonderlehrveranstaltungen behandelte er spezielle Themen. Um nur einige Beispiele zu nennen:

Datierung von Schriftstücken

Das perfekte Verbrechen.

Irrtümer in der Strafrechtsprechung.

 

Um den Lehrstoff seiner Vorlesungen anschaulicher und greifbarer zu machen, stellte er eine Kasuistik aus früheren Fällen zusammen. Natürlich bereitete es den Stundenten noch mehr Spaß, beispielhafte Rechtsfälle in der Vorlesung von ihm selbst erzählt zu bekommen. Von diesem didaktischen Instrument machte er oft und gern Gebrauch.

 

Neben seiner breit gefächerten Bildung und seinen Deutschkenntnissen, die denen eines Muttersprachlers gleichkamen, sprach er auch Französisch, Englisch, Italienisch und Russisch, was sich bei seinen häufigen Gastvorlesungen an Universitäten in Deutschland, Österreich, Polen  oder Jugoslawien als sehr nützlich erwies.

(Russisch hatte er gegen Kriegsende in einem Luftschutzkeller in Nagykanizsa gelernt. Zeit war ja genug da …)

 

Einen eigenen Lehrstuhl hatte er nur 3 Jahre lang inne. Der Ehrgeiz, immer höhere Stufen der akademisch-universitären Rangleiter zu ersteigen, blieb ihm ein Leben lang fremd.

 

Zu seinem Vorlesungsstil bemerkte er einmal: „Strafprozessrecht ist ein ziemlich trockenes Fachgebiet, und bei so trockenem Klima ist Humor (das Wort bedeutet auf Latein „Flüssigkeit“) sozusagen lebensnotwendig.”

 

Was er im Unterricht tat oder sagte, hatte stets einen guten Grund und war genauestens überlegt. Eine Tugend, die heutzutage vom Aussterben bedroht ist.

 

Seinen beruflichen Lebensweg fasste er wie folgt zusammen:

 

„Ich kann mit Recht behaupten, dass ich noch aus der Friedenszeit stamme, ich wurde ja 1913 geboren….”

„Fast alle meine wissenschaftlichen Arbeiten sind mehr oder weniger fragmentarisch geblieben … Ich hatte weder Zeit noch Gelegenheit, meine Detailuntersuchungen in einem einheitlichen Rahmen zusammenzufassen.”

„Ich hatte sogar oft das Glück, die Kinder meiner gewesenen Studenten zu unterrichten.”

Darüber hat er sich wahrscheinlich am meisten gefreut.

 

In der Erinnerung von Kollegen und Studenten lebt er mit dem sehr familiären Namen „Onkel Laci” weiter… Ein Geschenk, das nur Wenigen beschieden ist.

 

 

 

rovat: 
You shall not pass!